Donnerstag, 18. Oktober 2007

Worte sind unzuverlässig

Meine Freunde die Worte sind ein unzuverlässiger Haufen. Speziell wenn sie auf die Ohren von anderen Menschen treffen scheinen sie hin und wieder zur Gänze aus dem Ruder zu laufen. Oft kann man nicht mehr nachvollziehen, ob es die Worte oder die Ohren waren - am Ende steht jedenfalls ein Mißverständnis.
Was tun? Den Schnabel halten, denke ich manchmal. Rückzug auf der ganzen Linie. Vielleicht noch ein paar Romane unter Pseudonym veröffentlichen (von irgend etwas muß man ja schließlich leben), aber ansonsten schieres Schweigen.
Dann ist da aber immer noch mein Bedürfnis nach Reflektion, nach Echo. Ob auch die Berge die Rufer brauchen denen sie Echo sind? Ich bin viel besser dran. Kann Rede und Antwort stehen und kann neue Worte suchen - immer mit dem Risiko, wieder nicht verstanden zu werden.
Aber die Worte will ich mir nicht abspenstig machen lassen. Mögen sie auch eine halsstarrige Bande sein, ein unzuverlässiger Haufen, eine intrigante Schar, Bastarde, deren Zugehörigkeit niemals klar zu erkennen ist - meine Freunde sind sie dennoch, die Worte. Und Mißverständnisse sind besser als Schweigen.
bonanzaMARGOT - 23. Okt, 11:40

worte

sind schlechte ratgeber. vorallem wenn man sie liebt und nicht nur zweckgebunden in logischen und administrativen zusammenhängen/sprachen benutzt.
worte sind mißverständlich wie gesichter, die vor freude weinen, oder hämisch und aus schadenfreude lachen, oder nachdenklich aus verwirrtheit gucken. worte stehen auf gefühlen, die selten der aussprecher genau kennt. hinter worten stehen vermutungen des senders und des empfängers. sie gewinnen ihr eigenes leben in der syntax und schauen bald fremd und bald nah, je nachdem woher wir sie betrachten und in welcher laune wir uns befinden.
mit etwas glück harmonisieren sie eine zeit lang, ein gedicht lang, einen vortrag lang mit dem sprecher sowie mit dem zuhörer. wir fühlen uns seltsam berührt von worten, gerührt von worten. "wie schaffte er/sie zu sagen, was wir denken/fühlen?" rätseln wir erstaunt. es ist, als ob ein mensch mit worten die seele nachzeichnen könnte. dieses empathische phänomen läßt uns weiterhin an den worten festhalten. wir lassen uns zu gern von worten berauschen wie von einem zauber oder einer medizin. verführt von den worten sind wir aber umso enttäuschter, wenn sie nicht halten, was sie versprechen, oder wenn sie (zu oft) ihre empathische wirkung nicht entfalten. wir verhalten uns wie liebende, die am liebsten immer auf wolke 7 schweben wollen - schnell erkennen, dass die liebe ein eigenwilliges eigenleben führt; wir die liebe geschenkt bekamen und ebenso schnell wieder verlieren können. worte können uns den rücken kehren, ohne dass wir verstehen warum. aber mensch wäre nicht mensch, wenn er nicht alles zerredete, hoch- und runterredete; dabei selbst nicht mehr weiß, worüber er eigentlich redet. worte können ausfüllen, wo längst leere vorherrscht.
ist dann schweigen besser? all die nicht gesagten worte, die den empfänger noch hilfloser lassen ... . schweigen ist das ende. jedes wort ist besser als das schweigen. und wenn ich deine worte nur lese, nur höre wie das rauschen des waldes, ohne die stimmen zu verstehen; so lausche ich eben verliebt in den wald, um mich zu wundern.

bon.

@miro (anonym) - 19. Nov, 03:22

in meine hände hinein
der regen in den schönsten tönen
und aus dem munde
donner und hagel

heute lerne ich schweigen

die tropfen zerfallen im atem
- fortgehen leise
irgendwohin

ob mein herz heilig fällt
- unverstanden
hinunter in die flut

© by @miro

bonanzaMARGOT - 19. Nov, 11:33

hi miro

auch das schweigen hat viele gesichter.
je nachdem wo ich schweige, wann ich schweige, zu was ich schweige.

wer zu viel redet, bleibt in der welt analphabet.
der lyriker vereinigt seine sprache mit den wortlosen sprachen, den sprachen der natur, den sprachen der straßen, der häuser und städte, den sprachen der tiere, den sprachen des himmels, des wassers und der erde ...

kein leichtes unterfangen.

bon.
schreiben wie atmen - 19. Nov, 20:53

Dankeschön

Danke miro, danke bon.

Wie schön Eure Kommentare zu lesen. Ihr wisst gar nicht wie sehr das gerade gut tut in all dem Durcheinander namens "Leben".
Dein Gedicht lieber miro hat mich sehr berührt. Es hat sich wie ein leichter sommerwarmer Gewitterregenschleier über diesen kalten Novembertag gelegt.
Und: ja bon, du hast auf so schöne Art recht.
bonanzaMARGOT - 20. Nov, 10:45

laß dich

vom leben nicht unterkriegen. du bist nicht allein. wir kämpfen alle gegen das durcheinander und die unbillen des lebens an.

herzlichen gruß
bon.
@miro (anonym) - 23. Nov, 19:40

Ich schenk‘ dir ein Gedicht von Michael Donhauser!

LG
@miro


Vielleicht an einem Abend, an
einem Abend spät vielleicht

Ein Glas gefühlt mit Anis und
eine Stimme, die weint

Vielleicht, dass eine Stimme
weint

Ein Glas an einem Abend spät
vielleicht

Ich gehe nicht, nicht mehr
sehr weit

Zu sehr, zu sehr, nicht mehr
zu weit

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